Missunderstanding
Popkultur ist seit jeher mein liebster Seismograph dafür, was Gesellschaft(en) umtreibt. Pop reagiert zuverlässig, schnell und schonungslos. Wobei Missverständnisse nicht auszuschliessen sind. Wie in dieser Geschichte.
Als ich zur Welt kam, war Marianne Faithfull ein 13jähriger Teenager. Ein Begriff wurde sie mir 1979 mit jenem Album, das dem neuen Film des Regieduos Iain Forsyth & Jane Pollard den Titel gibt. Die LP ist ein zeitloses Meisterwerk: BROKEN ENGLISH. Zwölf Jahre waren seit der Zeit vergangen. als Marianne Faithfull in Swinging London das war, was man später als It-Girl bezeichnet hat. Den ersten Versuch eines Comebacks hatte die Sängerin schon 1976 versucht, DREAMIN’ MY DREAMS oszillierte zwischen Country und Chuck Berry und interessierte niemanden, obwohl dort erstmals ihre einzigartige vom Leben gezeichnete Stimme zu hören war.
BROKEN ENGLISH platzte in die Zeit, in der sich die britische Musikszene mit Punk und New Wave neu erfunden hatte, eine Skandalnudel aus den Sechzigern kam da offenbar gerade richtig. Voraussetzung dafür war, dass BROKEN ENGLISH eine grossartige Platte war und blieb.
Keine weibliche Pop-Grösse aus den 60er Jahren war der britischen Öffentlichkeit besser im Gedächtnis geblieben als Marianne Faithfull, dafür hatte die britische Boulevard-Presse gesorgt: Mit nicht weniger als sechs Alben zwischen 1965 und 1967 hatte sie mit ihrer keineswegs aussergewöhnlichen Folk-Stimme den Nerv der Zeit getroffen: Attraktiv, auf jeder Party anzutreffen, gehörte sie zum engsten Kreise der skandalumwitterten Rolling Stones und war während Jahren die Freundin von Mick Jagger. Dazu kam sie aus der britischen Upper class, war mit allen freundlich, vor allem aber umwerfend ehrlich im Umgang mit der Presse. Dass war naiv, was Marianne Faithfull später teuer bezahlt hat. Infolge Drogen- und Alkoholmissbrauchs hatte sie über lange Jahre ihr Leben nicht im Griff und war damit die perfekte Zielscheibe für die britische Gutter Press. Offene Misogynie, Sex-Appeal, Drogenabsturz bis zur Obdachlosigkeit – der schlechthin perfekte Cocktail. Was heute Clicks sind, war damals Print-Auflage. Zurechtgebogen, phantasiert und gelogen wurde von den Medien damals wie heute.
Also Vorsicht bei der Verklärung der 1960er und 70er Jahre aus heutiger Perspektive. Welcher Rockstar kümmerte sich damals schon darum, ob ein Groupie volljährig oder zugedröhnt war? Die Befreiung vom Mief der Nachkriegsjahre hatte ihren Preis. Sich darüber zu beklagen, das war nie Marianne Faithfulls Art – als Opfer hat sie sich nie gesehen und schon gar nicht inszeniert. Dafür hatte sie viel zu viel Spass.
Die Karriere von Marianne Faithfull spannt sich über sechs Jahrzehnte, 22 Studioalben hat sie unter ihrem Namen aufgenommen und in rund 30 Filmen und TV-Serien mitgespielt. Speziell in Erinnerung bleibt ihre Hauptrolle im Film Irina Palm von 2007 (Regie: Sam Garbarski, Buch: Martin Herron und Philippe Blasband), in der sie eine 60jährige Sex-Arbeiterin spielt. Der Film wurde als bester europäischer jenes Jahres ausgezeichnet, Faithfull als beste Hauptdarstellerin nominiert. Immer wieder war sie auf Londoner Theaterbühnen in gefeierten Rollen zu sehen, nicht weniger als drei Autobiographien hat sie hinterlassen. Bei der letzten von 2014 schrieb ein gewisser Salman Rushdie die Einführung.
Marianne Faithfull war der Darling und die Muse vieler, worüber nicht vergessen gehen sollte, dass sie eine eigenständige Künstlerin und Interpretin war, die mit unzähligen Grössen aus Musik, Film und Theater zusammengearbeitet und Grossartiges hinterlassen hat.
Wie soll man ein solches Leben in einem Kinofilm abbilden? Iain Forsyth und Jane Pollard haben sich entschieden, einen Film mit und nicht über Marianne Faithfull zu machen. 2024 sagte sie zu, sich auf einen autobiographischen Film, vor allem aber auf den Kunstgriff der Filmemacher einzulassen. In der Werbung für den Film heisst es, BROKEN ENGLISH sei nicht mehr und nicht weniger als die Neudefinition des Genres Dokumentarfilm. Das ist PR-Geklingel und als solches nicht weiter ernst zu nehmen. Aber mit seiner schnellen und assoziativen Montage ist BROKEN ENGLISH ein bemerkenswertes Bio-Pic geworden – und Biografien von verblichenen Pop-Stars sind ja mittlerweile fast schon ein eigenes Doc-Genre.
Der Kunstgriff besteht darin, dass die Regisseure Marianne Faithfull in einem fiktiven Ministery of not forgetting auftreten lassen. In diesem analogen Museum unter der Leitung der gestrengen Tilda Swinton ist alles gespeichert, was je über das Leben von Marianne Faithfull veröffentlicht wurde – also endlos viele Zeitungsartikel, Ton und Bildaufnahmen, notabene alle alten Interviews. Marianne Faithfull wird eingeladen, mit einem Museumskurator ihr Leben anhand ausgewählter Bild- und Tondokumente Revue passieren zu lassen. Dazu werden Gäste ins Museum eingeladen, die über Marianne Faithful reden und allerhand Prominenz (u.a. Courtney Love, Thurston Moore, Warren Ellis) spielt und singt den einen oder anderen berühmten Song von ihr.
Diese Anlage bedingt eine radikale Auswahl, bei der die Protagonistin sicher mitgeredet hat. So erhalten die Rolling Stones zwar den verdienten Platz aber auch nicht mehr. Wichtiger etwa ist Marianne Faithfull ihr Freund Hal Willner, der anders als sie selbst Covid nicht überlebt hat. Der amerikanische Musikproduzent wurde u.a. bekannt für seine Tribut-Alben etwa für die Musik von Kurt Weill (LOST IN THE STARS, 1985).
Das Setting im Ministery of not forgetting ist zwar gewöhnungsbedürftig, originell und hintergründig ist es auf jeden Fall, denn es ist ein cleverer Kommentar zur Zeit, in die Marianne Faithfull hineingewachsen ist. Im Zeitalter der Digitalisierung wird uns weisgemacht, mit Daten, mit Nullen und Einsen sei alles zu rekonstruieren bzw. zu erinnern. Was absurd ist: Die persönliche Erinnerung wird immer etwas Eigenes, Persönliches bleiben. Und vor allem: Digitalisierung kann immer nur auf das zurückgreifen, was andere aus einem Leben gemacht haben.
Dass andere Stars in einem Bio-Pic auftreten und zu Wort kommen, ist zu erwarten. Ebenso, dass der porträtierte Star mitreden will, wer was über sie erinnert. Wie etwa im Film I AM A NOISE (2023) über Joan Baez. Der war zwar aus historischem Interesse ebenfalls sehenswert, aber gegen Schluss so richtig zum Fremdschämen. Das ist BROKEN ENGLISH definitiv nicht, im Gegenteil.
Zum Ende des Films ist der allerletzte gefilmte Gesangsauftritt von Marianne Faithfull sehen. Der britische GUARDIAN schrieb dazu: «Forsyth und Pollard waren 2014 für die hervorragende Nick-Cave-Dokumentation 20.000 DAYS ON EARTH verantwortlich. Cave taucht auch spät in BROKEN ENGLISH auf, er kommt ins Ministerium, um bei Faithfulls letztem Auftritt zu assistieren, der kurz vor ihrem Tod im Januar 2025 gefilmt wurde. Nach all dem Schnickschnack und der aufwendigen Inszenierung (der Film ist dem GUARDIAN nur drei von fünf Sternen wert) ist es nur recht und billig, dass Faithfull das letzte Wort hat. Es ist auch angemessen, dass sie mit einem Lied abtritt.»
Der Song mit dem treffenden Titel “Missunderstanding” ist ein Gänsehautmoment.
PS. Dieser Text war meine Einführung zur Lancierung von BROKEN ENGLISH in Deutschschweizer Kinos.