Welt am Scheideweg – schon wieder?
Klimakatastrophe war gestern. Heute drohen die totale Disruption durch KI, der Kollaps des globalen Finanzsystems und der Dritte Weltkrieg soll schon begonnen haben. Mit immer schrilleren Worten versucht die Menschheit zu beschreiben, was sie anrichtet. Da mag ich nicht abseitsstehen und habe ein Buch mit dem Untertitel «Zeitenwende in der Nord-Süd-Zusammenarbeit» übersetzt. Titel: Welt am Scheideweg. Ist wohl so.
Polykrise ist auch so ein Begriff. Es beschreibt die Hilflosigkeit, mit der wir versuchen das zu verstehen, was um uns vorgeht. Während viele es vorziehen, den Kopf in den Sand zu stecken oder der Konsumwut frönen, suche ich gerne Orientierung. In diesem Fall bei einem weisen weissen alten Mann.
Jacques Forster (86) hat sich ein Berufsleben lang mit Nord-Süd-Fragen beschäftigt, nicht nur in der akademischen Welt, auch in der Praxis. Er leitete das renommierte Institut universitaire d’études du développement in Genf, das heute und eine Fusion später unter dem englischen Namen Geneva Graduate Institute bekannt ist. Ich lernte Forster 2001 kennen, da war er Vizepräsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und erklärte mir, wie das IKRK, die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften und die nationalen Gesellschaften des «Mouvement» zusammenarbeiten. Oder eben nicht.[1]
Das nächste Mal trafen wir uns 2019 in Bern in meinem Büro bei Alliance Sud. Forster suchte ein neues Vorstandsmitglied für die von ihm mit-initiierte Organisation HQAI (Humanitarian Quality Assurance Initiative, s. dazu meinem Blog HQAI – wie bitte?). Ich konnte wieder einmal nicht nein sagen und fand mich wenig später gar in der Rolle des HQAI-Vizepräsidenten wieder. Es war eine lehrreiche mission, die ich rückblickend als zwar schwierig aber keinesfalls impossible bezeichnen würde.
Jacques Forster war schon damals längst pensioniert und arbeitete u.a. an einer Übersichtsdarstellung der Geschichte der Nord-Süd-Zusammenarbeit. Bei Alphil in Neuchâtel sind seither unter dem Titel Coopération Nord-Sud: La Solidarité à l’épreuvedrei je rund 150 Seiten starke Bändchen erschienen: L’émergence du tiers monde (1919-1982), Le monde en développement (1982-2019) und Le monde sous tension (2019-2022). Als mich der emeritierte Professor vor drei Jahren fragte, ob ich Möglichkeiten sähe, dass seine Arbeit in Deutschschweizer Medien rezensiert würde, musste ich ihn enttäuschen: «Nein, selbst für Besprechungen deutschsprachiger Publikationen dieser Art gibt es hierzulande schon länger keine verlässlichen Medien mehr.» Ich war von Forsters Arbeit aber dermassen angetan, dass ich ihm anbot, einen Verlag für eine deutsche Übersetzung zu suchen.
Fündig wurde ich schliesslich bei der edition8 und Verleger Heinz Scheidegger in Zürich. Und aus Le monde sous tension ist das um aktuelle Entwicklungen nachgeführte bzw. ergänzte Buch «Welt am Scheideweg» geworden; und ich nebenbei zum Übersetzer. Wobei ich mich auf die klaglose Mitarbeit von DeepL und das sorgfältige Lektorat von Stefan Howald verlassen konnte.
PS. Markus Mugglin hat diese Rezension von «Welt am Scheideweg» für die Webseite der Schweizerischen Gesellschaft für Aussenpolitik verfasst.
PPS. Jacques Forster wird am Donnerstag, 18. Juni ab 19h im bücherraum f in Zürich sein Buch vorstellen und mit mir und dem Publikum über «Krisen oder Gerechtigkeit?» diskutieren.
Jacques Forster, Welt am Scheideweg – Zeitenwende in der Nord-Süd-Zusammenarbeit, edition8, Zürich, 184 Seiten, CHF 25.00, ISBN: 978-3-85990-585-6
[1] Nachzulesen in «Das Kreuz mit dem Kreuz», erschienen im Reader «Krieger ohne Waffen», hrsg. von Hans Magnus Enzensberger in Die andere Bibliothek im Eichborn Verlag, 2001