SRF: Service public guckt in die Röhre
Service public heisst, das Publikum erhält unaufgeregte Informationen zu einem Thema; erst recht wenn dieses durch jahrzehntelange Propaganda und Polarisierung geprägt ist. Mit fadenscheiniger Begründung will SRF einen von RTS produzierten Film über das UN-Palästinenserhilfswerk nicht zeigen. Darüber sollten wir reden.
Keine drei Monate ist es her, dass sich eine breite Koalition der Schweizer Stimmbevölkerung deutlich gegen die SRG-Halbierungsinitiative ausgesprochen hat. Wir wissen: Um die Ecke wartet bereits die Diskussion darüber, was in der bis 2028 zu erneuernden SRG-Konzession stehen soll, wie elektronischer Service public hierzulande definiert wird. Es ist absehbar, dass vor allem darüber gestritten wird, ob auch reine Unterhaltungsformate und Sport zum Konzessionsauftrag gehören. Interessanter fände ich jedoch eine Diskussion darüber, worüber und wie ein Service public-Sender sein Publikum informiert. Knapp einig sein dürfte man sich hierzulande bestenfalls darüber, dass die heutige Welt eine Reihe von Problemen hat, über die eine offene Gesellschaft auf dem Laufenden sein und diskutieren sollte. Im Film UNRWA – 75 ANS D’UNE HISTOIRE PROVISOIRE von Lyana Saleh und Nicolas Wadimoff erfahren wir en passant, warum so viel häufiger aus dem Nahen Osten berichtet wird als über Konflikte in Afrika, Asien oder Lateinamerika: Der Palästina-Konflikt spielt nicht bloss in jener Weltgegend, die den drei monotheistischen Religionen als «Heiliges Land» gilt, er ist auch direkt mit der «Judenfrage» verknüpft, der wohl traumatischsten Geschichte der an Traumata reichen Geschichte Europas. Von einer erfolgreichen Bewältigung dieses Traumas scheinen wir heute weiter entfernt denn je. Ein guter Grund für den Service public, um genau hinzuschauen, würde ich meinen.
Die Geschichte der Judenverfolgung in Europa, die im Holocaust gipfelte, die Gründung des Staats Israels 1948 und die damit verbundene Vertreibung der dort ansässigen Palästinenser:innen ist x-fach erzählt worden und bestens erforscht. Braucht es also noch einen Film über jene Organisation, welche die Vereinten Nationen Ende 1949 ins Leben gerufen haben, um den aus Palästina Vertriebenen bis zur versprochenen Rückkehr in ihre Heimat beizustehen? Die Antwort von SRF auf diese Frage lautete: Nein, das Thema interessiere in der Deutschschweiz nicht genügend Leute, auf eine Ausstrahlung des vom Schwesterkanal RTS mit-produzierten Films werde verzichtet.
Eine Geschichtslektion
Über wenige Themen ist es offenbar schwieriger zu reden als über den Palästina-Konflikt bzw. dessen nachhaltige Lösung. Jedenfalls gibt es seit Jahren zwischen den Konfliktparteien keine ernsthaften Verhandlungen mehr. Die Meinungen sind gemacht, die Positionen bezogen und scheinbar unverrückbar. Umso wichtiger ist, jenen Teil der Ausgangslage zu kennen, an der bis jetzt alle Friedensbemühungen gescheitert sind: die Flüchtlingsfrage bzw. das Recht auf Rückkehr, der 1947/48 von jüdischen Milizen und später von der israelischen Armee (IDF) aus dem britischen Mandatsgebiet vertriebenen dort ansässigen Bevölkerung. Dieses völkerrechtlich verbriefte Rückkehrrecht reklamieren mittlerweile längst nicht mehr nur die damals direkt Betroffenen Palästinenser:innen, sondern deren Nachkommen.
Diese Grundlagen ruft der von Irène Challand[1] produzierte Film über die Geschichte der UNRWA in Erinnerung. Schon im Trailer werden dessen Qualitäten klar: Herausragendes Archivmaterial und ausgewiesene Kenner:innen der Materie, welche die UNRWA-Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln einordnen. Am überraschendsten darunter war für mich die ehemalige Knesset-Abgeordnete Einat Wilf, laut Wikipedia Zionistin, Feministin und Atheistin. Sie gehörte vor rund einem Vierteljahrhundert zum israelischen Verhandlungsteam, das im Rahmen der von der damaligen Aussenministerin Micheline Calmy-Rey vorgeschlagenen und von der Schweiz finanzierten sog. Genfer Initiative ein definitives Abkommen zwischen Israel und den Palästinensern zu erreichen versuchte. Schon damals vertrat die links-zionistische Politikerin Wilf die Position, dass die völkerrechtlich verbindlich geschaffene UNRWA und ihr Mandat aufgelöst und abgeschafft gehören. Es ist notabene jene Position, die sich 2018 auch der Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis zu eigen machte: Weil die UNRWA seit ihrer Gründung 1949 die Hoffnung vieler palästinensischer Flüchtlinge auf Rückkehr aufrechterhalte, sei sie „nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems“, liess er nach dem Besuch eines palästinensischen Flüchtlingslagers in Jordanien verlauten. Für Zionist:innen (und den erklärten Israel-Freund Cassis) ist klar: Wer einen Krieg um Land verloren hat, muss das mit allen Konsequenzen akzeptieren, so wie das bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs gang und gäbe war. Bis dahin gab es kein Rückkehrrecht nach gewaltsamer ethnischer Säuberung. Erst unter dem Eindruck zweier Weltkriege einigte sich die Staatengemeinschaft – notabene zu Beginn des heraufziehenden Kalten Kriegs – auf die Gründung der UNO, die Verabschiedung der Genfer Konventionen und die Kodifizierung des (humanitären) Völkerrechts. Während einiger Jahrzehnte hielt diese globale Rechtsordnung mehr schlecht als recht, aber immerhin. Doch selbst damit scheint es vorbei zu sein. Beinahe täglich hören wir in den Nachrichten, dass und wie das Völkerrecht missachtet wird. Diplomatie ist zunehmend durch Kraftmeierei, Drohungen und Gewaltanwendung ersetzt worden.
Die Frage ist: Wollen wir tatsächlich dorthin zurück, wo das uneingeschränkte Recht des Stärkeren gilt? Gerade der auf Regeln angewiesene Kleinstaat Schweiz, als Depositarstaat die Hüterin der Genfer Konventionen mit dem nach New York zweitwichtigsten UNO-Sitz in Genf auf ihrem Territorium, müsste ein eminentes Interesse daran haben, dass dies nicht geschieht. Und zwar nicht nur die Fachleute im Aussendepartement und spezialisierte Politiker:innen in Bern. Nein, diese Frage sollte auch das Deutschschweizer TV-Publikum interessieren. Voraussetzung dafür ist, dass es sich dazu eine fundierte eigene Meinung bilden kann. Indem SRF dem Publikum in seinem Sendegebiet diesen UNRWA-Film nicht zeigt, wird genau dies verhindert.
PS. UNRWA – 75 ANS D’UNE HISTOIRE PROVISOIRE ist auf der Webseite PLAY SUISSE unter ferner liefen in einer untertitelten deutschen Fassung zu sehen. Der Film erreicht dort einen Bruchteil jener Zuschauer:innen, die den Film bei einer TV-Ausstrahlung auf SRF sehen würden. Im Januar wurde UNRWA – 75 ANS D’UNE HISTOIRE PROVISOIRE an den Solothurner Filmtagen und Mitte Mai in einer vom Verein Swiss Humanity organisierten Privatvorstellung im Zürcher Kino RiffRaff gezeigt. Swiss Humanity ist vor allem in der Suisse romande verankert, möchte jedoch gerne vermehrt in die Deutschschweiz ausstrahlen.
[1] Challand leitete 15 Jahre lang die Dokfilm-Abteilung von RTS und verantwortete die Sendung «Histoire vivante».